Buchtipp: ‚Energieautonomie‘ von Hermann Scheer

Das Buch arbeitet zunächst die verschiedenen Vorteile erneuerbarer Energien heraus. Neben der bloßen Klimaneutralität und Unerschöpflichkeit ist für Scheer vor allem das Argument der schnellen und dezentralen Einführung wichtig: während fossile Großkraftwerke jahrelanger Planung bedürfen und damit nicht selten bei Fertigstellung aufgrund veränderter Rahmenbedingungen am Bedarf vorbei produzierten, seien regenerative Energien in vielen kleinen Anlagen wesentlich flexibler einsetzbar. Scheer weist auf die bessere Energieeffizienz der dezentralen regenerativen Energien hin, insbesondere aufgund des Wegfalls umfangreicher Leitungsverluste. Aber auch volkswirtschaftliche Aspekte werden angeführt, wie etwa die Unabhängigkeit von Primärenergie-Importen aus dem Ausland, aber auch die vermehrte Schaffung von Arbeitsplätzen im Energietechnologie-Sektor, und zwar vor allem im Mittelstand.

Der Entwurf eines Twintowers mit integrierten Windrotoren von Prof. Stefan Behling der Uni Stuttgart ziert den Umschlag des Buches.                                       Zeichnung:En

So ist es denn doch verwunderlich, dass wir in der Welt der erneuerbaren Energien trotz dieser vielen Vorteile noch immer nicht angekommen sind. Folgerichtig untersucht Scheer als nächstes sehr ausführlich die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die auf dem Weg zu einer Energieversorgung aus erneuerbaren Energien liegen. Eine der Hauptursachen für das schleppende Vorankommen findet er in den schwerfälligen und sich selbst erhaltenden Strukturen der etablierten Energiewirtschaft. Er beleuchtet die oftmals unheilige Allianz der Politik mit den großen Energieversorgern und ist davon überzeugt, dass das alleinige Warten auf den Durchbruch der erneuerbaren Energien durch die bislang wirkenden Kräfte nicht zum Erfolg führen wird. Scheer führt als Beispiel die interne Studie zweier großer Energiekonzerne an, in der ermittelt wurde, dass die Erneuerbaren bis zum Jahre 2050 den gesamten Weltenergiebedarf decken könnten. Da eine solche Aussage für die Konzerne politisch nicht tragbar war, sei kurzerhand von einer Verdopplung des Energiebedarfs bis 2050 ausgegangen worden, um auch weiterhin die bestehende sehr profitable fossile Sparte weiterführen zu können.

Der zentralistische Ansatz des bestehenden Energieversorgungssystems selbst ist für Scheer eines der größten Hemmnisse auf dem Weg zur Energiewende: „Die These eines enorm langen Zeitbedarfs für die Einführung der neuen Energien wird von Energieexperten aus der Geschichte des konventionellen Energiesystems abgeleitet. Diese Erfahrung gründet sich nicht in erster Linie auf die langen Bauzeiten für Großkraftwerke, sondern auf den noch wesentlich zeitraubenderen Ausbau einer weiträumigen Transport- und Verteilungsstruktur der Energieversorgung. Diese Erfahrung wäre jedoch nur dann auf erneuerbare Energien übertragbar, wenn deren Ausbau sich am überkommenen Vorbild orientieren und den großtechnischen Weg wählen würde. Doch das ist, von Ausnahmen abgesehen, weder technologisch notwendig noch ökonomisch sinnvoll.“ (S. 63 ff.)

Scheer betrachtet auch die internationalen Bemühungen zur CO2-Emissionsreduktion sehr skeptisch. Da man stets Lösungen suche, die von allen getragen werden, gäbe es somit genügend Möglichkeiten, sich hinter suboptimalen, aber national vorteilhaften Abkommen zu verstecken. Auch hier sieht Scheer klar den Vorteil in kleineren dezentralen, durchaus auch unilateralen Ansätzen.

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